Natürliches Material, das wie Pilze aus dem Boden spriesst: Das faserige Faszinosum Myzel schiesst aus dem Untergrund an das Tageslicht, für Möbel, Mode – und womöglich ganze Häuser. Warum man Hyphen durchaus hypen sollte.
Text: Daniela Dambach

Leder aus dem Labor: Pilzjacke aus dem Projekt «Macro Fungal Skins». (c) Annah-Ololade Sangosanya.
Fernab von konventionellen Baustoffen wie Beto, Holz oder Ziegel tut sich etwas – und zwar im Schatten. Oder besser gesagt im feuchten Halbdunkel. Nie schien das englische Wort für Pilz plausibler: Mushroom. Denn Pilze haben mehr Potenzial, als einfach in die Pfanne gehauen zu werden: Pilzsporen keimen auf einem organischen Nährmedium zu einem filigranen, dicht verästelten Geflecht von Zellfäden, sogenannten Hyphen: Myzel – was mythisch klingt, wird modisch. In Laboratorien wird das Myzel etwa in Kisten oder Pressrahmen gezüchtet. Sind die Bedingungen ideal, breitet es sich schnell aus und bildet eine stabile Struktur, die sich als natürliches, biologisch abbaubares Baumaterial nutzen lässt. Was wie Zauberei anmutet, könnte die Zukunft sein: Myzel wächst in Formen, die man ihm gibt, frisst dabei landwirtschaftlichen Abfall wie Maisstroh oder Sägemehl und zeit sich getrocknet und gepresst als helle Masse mit einer porösen, leicht samtigen Oberfläche – oft überraschend homogen, ohne die feine Faserstruktur zu verlieren. Es gleicht optisch und gewichtsmässig einer Mischung aus Styropor und altem Toast, doch seit Jahren tüfteln Forscherinnen wie Designer daran, die nächste Generation von Myzel zu kultivieren: Veredelt kann es inzwischen so luxuriös wie Leder wirken, was auch internationalen Mode- und Interieur-Marken nicht entgangen ist.

Links: Züchten statt Zimmern: die Kollektion «Fungal Functions» aus Pilzmaterial, das auf Abfall gedeiht. (c) Anouk Verstuyf
Rechts: Der einzige Pilz, den man unter den Füssen spüren möchte: Myzel-Fliesen von Mogu. (c) Mogu
Mycelium als Muse
Was vor Jahren noch experimentell klang, inspiriert zu echten Entwürfen. An der Vrije Universiteit in Brüssel züchten Forschende Mode und Möbel, statt sie zu schneidern oder zu schreinern: Im Rahmen des Projekts «Pure hyphae 2.0» hat Annah-Ololade Sangosanya traditionelle Handwerkstechniken durch den innovativen Einsatz von Myzel neu interpretiert und eine schmiegsame Jacke namens «Macro Fungal Skins» entwickelt, die aus einer Art Lederhaut besteht. Das Material ist durch die Arbeit mit lebenden Organismen quasi «durch das Leben selbst geformt und gefärbt». Zudem demonstriert es, dass sich myzelbasierte Textilien auch für grössere Kleidungsstücke eignen. Während Materialien wie Holz und Keramik sich längst im kulturellen Kanon der Schönheit behauptet haben – poliert, gebrannt, mit Tradition aufgeladen –, steht das Myzel noch am Anfang seiner ästhetischen Sozialisation. Das hat Anouk Verstuyft mit ihrer dreiteiligen Möbelkollektion «Fungal Functions» erforscht, die in moderne Räume passt, ohne ihre «Natur» zu verleugnen. Auch «Myceen» mit Sitz in Estland erachtet es als wichtig, von den Pilzen zu lernen, die mit über einer Milliarde Jahre Erfahrung den Menschen weit überlegen sind. Das Start-up, das ursprünglich Lampen, Akustikplatten und Möbelblöcke aus Myzel hergestellt hat, entwickelt mittlerweile Dämmstoffe, welche die Energieeffizienz von Gebäuden verbessern sollen. Und in der Schweiz? Hier betrachtet das Basler Start-up «Mycrobez» Pilze nicht nur als Waldwesen sondern als Baumeister der Zukunft. Aus organischen Abfällen wie Kaffeesatz, Nussschalen oder Sägemehl und dem Myzel von Baumpilzen entsteht ein nachhaltiger Schaumstoffersatz, der in wenigen Tagen wächst, die Form behält und sich nach Gebrauch vollständig biologisch abbaut.

Links: Fungi-Power: Die Bio-Batterie basiert auf fressenden Pilzen. (c) EMPA
Rechts: Kompostierbare Kunststoff-Alternative: Material aus Bioabfällen und Myzel. (c) Mycrobez
3D-gedruckte Bio-Pilzbatterien
Andernorts, etwa in Dänemark, denkt man noch weiter: Das Projekt «Fungateria», unterstützt von der EU, untersucht, wie man Myzel mit Bakterien koppeln kann, sodass Baumaterialien nicht nur statisch, sondern adaptiv und selbstheilend werden: Wände, die Risse flicken, Oberflächen, die CO2 binden, wie Strukturen, die auf Umweltreize reagieren – das ist keine Science-Fiction mehr, sondern Teil des ehrgeizigen Forschungsplans. Empa-Forschende haben den Pilzen sogar noch eine weitere Fähigkeit entlockt: Strom generieren. Die 3D-gedruckte «lebende» Pilzbatterie muss man nicht aufladen, sondern füttern – sie nutzt den Stoffwechsel von zwei Pilzarten, um Elektronen zu erzeugen. Ist ihre Aufgabe getan, baut sie sich selbst ab. Pilze bringen erstaunlich vielschichtige Vorteile mit sich, da kann man ruhig den Hut ziehen – und die Investition in deren Erforschung ist jeden Pfifferling wert, könnte doch daraus gar eine Umweltrevolution erwachsen.