Schluss mit der Wegwerf-Mentalität

Am Seidenweg 2 in der Berner Länggasse ist ein Laden zu finden, der bereits seit Jahrzehnten besteht. Und das … unverändert. Hier werden nämlich seit jeher Elektro-Geräte aus zweiter Hand verkauft, aber auch repariert. Seit bald 17 Jahren führt Franco Elia das Geschäft. Zuvor war es Fritz Wittwer, der schon in den 60er-Jahren die Kundschaft mit seinen speziellen Dienstleistungen zu erfreuen wusste.

Nein, es ist wirklich kein Sitzungszimmer, wo wir uns mit Franco Elia unterhalten. Wir sitzen ziemlich zusammengepfercht auf zwei Campinghockern vor einem kleinen Tisch. Um uns herum Kabelsalate noch und noch, ein Berg von Lautsprechern, Plattenspieler en masse, alte TV- und Video-Geräte. Alles scheinbar wahllos hingestellt, allerdings ohne Spinnweben oder Staubteppiche. Das wirklich Erstaunliche: Franco Elia weiss genau, wo was zu finden ist. Unglaublich.

Zwei Herren finden sich

«Verkaufen Sie mir Ihren Laden?» Das war die Mutter aller Fragen, die Fritz Wittwer beim ersten Zusammentreffen mit Franco Elia zu hören bekam, der eigentlich nur ein bestimmtes Radiogerät gesucht hatte und sich daran erinnerte, dass es am Seidenweg einen geeigneten Laden gibt. Wie kam Elia auf den Gedanken, dem Inhaber eine solche Frage überhaupt zustellen? «Nun», schmunzelt er, «mir schien, dass Herr Wittwer – der mich noch heute dann und wann besucht – nicht mehr mit vollem Elan bei der Sache war, und ich auf der Suche meiner künftigen Selbständigkeit.» (Siehe Kästchen.)

Fritz Wittwer musste, so erzählt Franco Elia, lachen, glaubte an einen Scherz, weil er tatsächlich daran war, einen Nachfolger zu finden – ohne Erfolg. Die beiden Herren trafen sich noch einige Male, bis Franco Elia den Verkaufsvertrag zur Unterschrift vor sich liegen hatte, vermutlich von einem Freund von Herrn Wittwer mit der Schreibmaschine aufgesetzt, juristisch jedenfalls nicht ganz wasserdicht. Aber es klappte zur beiderseitigen Zufriedenheit und es gab nie einen Anlass zu Missverständnissen. Weshalb kompliziert, wenn es auch einfach geht? Franco Elia erinnert sich an den Verkauf: «Selbst als ich Fritz Wittwer den geforderten Kaufpreis bar auf den Tisch legte, mochte er nicht wirklich daran glauben... Und ich spürte, dass ich den Laden tel quel übernehmen musste, keine Räumungsaktion starten durfte, sonst hätte er nicht verkauft.» Und so strahlt der Seidenweg 2 auch heute noch jenes Ambiente aus, das es immer hatte.

Reparieren, weiter benutzen

In diesem Schlaraffenland der elektronischen Vergangenheit findet man so ziemlich alles, was an die eigene Jugend erinnert. Entsprechend sucht auch ein Teil seiner Kundschaft nach ihren Wurzeln. Es erinnerte sich einmal eine ältere Frau, dass sie im Keller noch einen verstaubten Plattenspieler hatte. Unter dem Motto, «Wer sucht, die findet», kam sie damit zu Franco Elia, weil das Gerät sozusagen Standschäden hatte, und nicht mehr funktionierte. Der heute 61-Jährige brachte den Plattenspieler wieder dazu, wofür er erfunden wurde. Reparaturen sind heute ein wichtiges Standbein für den Fast-alles-Könner, auch für «modernere» Geräte. Von Anfang an aufgeben? Keine Option.

Es ist Elia wichtig, dass sich die Leute bewusst werden, dass Geräte nicht dazu produziert werden, um schliesslich auf dem Schrottplatz zu landen. Aus diesem Grund kann man ihm Radios, Lautsprecher und andere Audiogeräte zur Weiterverwertung abgeben, wenn man sich von ihnen trennen will. Firmenschliessungen oder Haushaltsauflösungen sind weitere Quellen für Elia, um an Second-Hand-Waren heranzukommen. Des Weiteren Auktionen, Internetforen oder Flohmärkte. Aber: Er ist auch Händler in eigener Sache, importiert (!) Geräte, die er an Interessenten vermittelt, exklusive Marken wie AMC, also High-End-Elektronik, Melodika-Kabel und Dared-Röhrengeräte. Apropos Lautsprecher: Viele Benutzer wissen nicht, dass sie – wenn es zu «tschädern» beginnt, weil sich die Aufhängung in ihre Einzelteile auflöst – nicht gleich den ganzen Lautsprecher ersetzen müssen, sondern einzig den Sicken-Kunststoffring. Ist wesentlich günstiger. Und nachhaltiger. 

Von Büezern und Diplomaten

Unsere Frage, ob man bei ihm auch alte VHS-Videokassetten auf DVD überspielen lassen kann, beantwortet er sofort mit einem «Klar doch!». Diese Arbeiten erledigt er jedoch nicht während des Tages im Laden, sondern zu Hause. Ebenfalls über Mittag oder abends besucht er vermehrt Kundinnen und Kunden an ihrer Heimadresse. Diese haben ihn angerufen, er möge doch vorbeikommen, um sich einen «Patienten» anzuschauen. Die Vorstellung, dass Franco Elia mit einer mobilen Werkstatt vorfährt, ist allerdings falsch. «Ich schaue mir vor Ort das Gerät an, damit ich nur jenes Teil mitnehmen muss, das ich reparieren muss. Ich will die Wohnzimmer der Leute ja nicht in ein Atelier verwandeln…»

Überhaupt: Wie setzt sich seine Kundschaft zusammen? Es sind ehemalige Länggässler, die von weiter her angefahren kommen, weil sie noch um das Geschäft wissen. Eher mehr Männer, von Büezern bis hin zu Diplomaten, die für ihre Aus- und Weiterreise noch ein Stück Nostalgie aus Bern kaufen wollen. Oft sind auch es Sammler, die gezielt etwas für ihre Kollektion suchen.

Und? Kommt man mit diesen Aktivitäten finanziell über die Runden? Franco Elia mit Augenzwinkern: «Ich lebe nicht im Luxus, für meine Ansprüche reicht es, ja.»

Wer nähere Informationen möchte: www.elektronik-und-design.ch oder 031 301 88 15 / 076 52 66 265.

 

Franco Elia

1963 in Kalabrien geboren, wo er auch die drei ersten Schuljahre verbringt. 1972 zügelt die Familie – Vater Mutter, Bruder – nach Därstetten, die Eltern arbeiten bei der «Weissenburger», bis keine Flaschen mehr vom Fliessband laufen. Franco besucht zuerst ein Internat in Thun, das von Nonnen geleitet wird, anschliessend eines an der Lenk, um Deutsch zu lernen, als sich herausstellt, dass die Familie in der Schweiz bleiben wird. Die letzten Schuljahre verbringt er in Därstetten, anschliessend lässt sich Franco Elia zum Elektromechaniker beim Elektromotorenwerk in Brienz ausbilden und absolviert eine Fortbildung als Techniker TS. 17 Jahre arbeitet er bei ASCOM, bis der Betrieb dichtmacht. Er beschliesst zu jener Zeit, sich nicht mehr anstellen zu lassen und sucht seine Herausforderung in der Selbständigkeit, die er als ehemaliger Länggässler am Seidenweg findet. (Siehe Haupttext)

 

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