Sie gehörte zur Kölner Kunstszene der 1980er-Jahre, stellte neben Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman aus – und verschwand dann beinahe vollständig aus der Öffentlichkeit. Anne Loch zog sich in die Schweiz zurück, arbeitete jedoch unbeirrt weiter und hinterliess ein Œuvre von rund 1400 Werken. Nun widmet ihr das Zentrum Paul Klee vom 18. Juli bis 20. September 2026 eine grosse Einzelausstellung mit rund 80 Arbeiten und eröffnet damit die seltene Gelegenheit, das faszinierende Werk dieser aussergewöhnlichen Künstlerin neu zu entdecken.

Anne Loch im Atelier in Thusis, 1989 Nachlass Anne Loch Foto: Christoph Guler, Thusis
Monumentale Bilderwelten
Eine gelbe Blume auf blauem Grund, fast zwei Meter hoch. Eine Schafherde, die sich über mehr als dreieinhalb Meter erstreckt. Der Kopf eines Raben oder das Innere einer Pfingstrosenblüte, vergrössert auf monumentale Dimensionen. Anne Loch dachte in grossen Formaten – und hinterliess ein ebenso beeindruckendes Gesamtwerk: Rund 1400 Gemälde sowie zahlreiche Zeichnungen, Fotografien, Text- und Videoarbeiten entstanden während ihrer fast vierzigjährigen Schaffenszeit. Heute befindet sich der umfangreiche Nachlass in Bern.

Anne Loch AL 213, 1987 Acryl auf Nessel 180 × 280 cm Nachlass Anne Loch Foto: Dominique Uldry, Bern

Anne Loch AL 1308, 2007 Acryl auf Leinwand 215 × 360 cm Nachlass Anne Loch Foto: Dominique Uldry, Bern
Vom Kunstzentrum Köln in die Bündner Berge
In den 1980er-Jahren schien Anne Loch eine grosse Karriere bevorzustehen. Die deutsche Künstlerin wurde früh von der renommierten Kölner Galeristin Monika Sprüth vertreten – gemeinsam mit Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman. Während viele ihrer Zeitgenoss auf expressive Gesten und Neo-Expressionismus setzten, entwickelte Loch mit ihren Natur- und Landschaftsbildern eine eigenständige, unverwechselbare Bildsprache.
1988 zog sie sich überraschend aus der Kunstwelt zurück und liess sich im bündnerischen Thusis nieder. Sie brach den Kontakt zur Kölner Kunstszene weitgehend ab und lebte zurückgezogen. Ihre künstlerische Arbeit setzte sie jedoch unbeirrt fort. Im Stillen entstand ein umfangreiches Werk, das nur noch vereinzelt ausgestellt wurde – unter anderem in der Berner Galerie Erika und Otto Friedrich.
Zwischen Kitsch und Kunst
Blumen, Tiere und Landschaften – Anne Loch widmete sich Motiven, die in der Kunst lange als konventionell oder gar kitschig galten. Menschen oder gesellschaftliche Themen finden sich in ihrem Werk kaum. Stattdessen interessierte sie sich für die Malerei selbst: für Farbe, Oberfläche, Raum und Komposition.
Auf den ersten Blick wirken ihre Bilder vertraut und leicht zugänglich. Doch durch die monumentale Vergrösserung verlieren die Motive ihren Bezug zur Realität und entwickeln eine fast surreale Wirkung. Fotografien dienten ihr als Vorlage, die Komposition stand oft bereits fest, bevor der erste Pinselstrich gesetzt wurde.
Aus der Distanz erscheinen die Farben intensiv und die Motive klar erkennbar. Wer nähertritt, erlebt jedoch eine Überraschung: Formen lösen sich auf, Konturen verschwimmen und die Leinwand selbst tritt in den Vordergrund.
Malerei als Erlebnis
Anne Loch interessierte sich weniger dafür, Geschichten zu erzählen oder Botschaften zu vermitteln. Vielmehr verstand sie Malerei als eigenständige Form des Sehens und Erlebens. Ihre Werke bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen Realität und Traum.
Gerade darin liegt bis heute ihre Faszination: Die Bilder liefern keine eindeutigen Antworten, sondern werfen Fragen auf – nach unserer Wahrnehmung, nach der Wirklichkeit des Bildes und nach der Bedeutung von Kunst selbst.
Ein Nachlass in Bern
Zu den wenigen Menschen, die Anne Loch nach ihrem Rückzug nahe standen, gehörten André Born und Peter Spahr. Sie begleiteten die Künstlerin auch während ihrer Krankheit bis zu ihrem Tod im Jahr 2014. Anne Loch vermachte André Born schliesslich ihr gesamtes Werk – weshalb sich ihr künstlerischer Nachlass heute in Bern befindet.

Anne Loch AL 641, 1996 Acryl auf Leinwand 220 × 180 cm Privatsammlung. Courtesy Sprüth Magers Foto: Dominique Uldry, Bern
|
Ausstellung Zentrum Paul Klee Monument im Fruchtland, Bern Kuratorin Amélie Joller |